Der nachfolgende Beitrag versucht auf sehr behutsame Art und
Weise die dramatische Widerspruchlichkeit, in der die haitianische
Regierung gefangen ist, zu thematisieren. Von ihrer Programmatik
her der breiten Mehrheit der Gesellschaft verpflichtet, hat sie
jedoch kaum Bewegungsspielraum, ohne grosse ZugestŠndnisse an die
immer noch mŠchtigen wenigen Kapitalbesitzer im Lande, vor allem
aber an die internationalen Finanzinstitutionen des Auslands zu
machen.
Wie gerne hŠtte ich diesem ruhigen Tonfall des so aufrichtig erscheinenden Mannes weiter zugehšrt und mich der Illusion hingegeben, dass seine Worte RealitŠt werden. RŽne PrŽval, PrŠsident Haitis seit vier Monaten, befindet sich auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung gemeinsam mit seinem Aussen- und Kooperationsminister im Kleinen Saal des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT) in Bonn und wirbt dort fur sein Land. Mit ruhiger Stimme und dieser Ehrlichkeit, die auch von den Einladenden hervorgehoben wird, spricht RenŽ PrŽval von der schweren Last, die seine Regierung zu tragen hat.
Zahlen brauchte er nicht zu nennen, denn dies hatte schon das fur internationale Kontakte zustŠndige Vorstandsmitglied im DIHT, Graf von Walderdorf, in seinen einleitenden Worten getan: 5% Wirtschaftswachstum im Jahre 1995, aber eine Inflationsrate von 24%, und weiterhin ein Pro-Kopf-Einkommen von 250 US$ im gleichen Jahr. Auch die Nahrungsmittelimporte fur ca. 100 Mio. US$ werden erwŠhnt. Eigentlich ein Paradies fur deutsche Investoren, die eine arbeitswillige Bevšlkerung, und vor allem die billigste der gesamten Region vorfinden wurden. Nach Meinung des DIHT-Redners sollte es doch auch mšglich sein, die segensreichen Devisen deutscher Touristen, die bislang im wesentlichen in die Dominikanische Republik fliessen, zukunftig auch Haiti zukommen zu lassen.
Eigentlich ein naheliegender Gedanke, aber nicht unbedingt prioritŠres Anliegen des amtierenden PrŠsidenten. Dieser versucht sich in einer anderen Sprache. €hnlich wie sein VorgŠnger Jean Bertrand Aristide weist er auf die folgenschwere Geschichte seines Landes hin, auf die erschreckende wirtschaftliche Bilanz der letzten Jahre, auf das soziale Pulverfass, das er versucht, in den Griff zu bekommen. Grassierende Armut und eine hohe Zahl von Waffen in HŠnden von Zivilisten machen ihm das Leben schwer. Nach der Zerschlagung der regulŠren (irregulŠr handelnden) Armee wurde eine neue Polizeitruppe aufgebaut. Junge Menschen erhielten eine viermonatige Ausbildung, viel zu kurz, um Erfahrung und die nštige Reife zu sammeln. Die šffentliche Ordnung und Sicherheit herzustellen, erweist sich als Šusserst schwierig. In den letzten Wochen wurden sieben Polizisten von Unbekannten ermordet - keine sehr vertrauensbildende Entwicklung.
PrŽvals erklŠrtes Ziel ist die erneute Einbindung des Armenhauses Lateinamerikas in die Waren- und Finanzstršme der Weltwirtschaft. Dafur sieht er als unverzichtbar auch die von der Bevšlkerung geforderte Justizreform, eine Reform des Staates und den Abbau der Korruption sowie die Privatisierung staatlicher Betriebe an, ganz wie es vom IWF gefordert wird.
Hat RenŽ PrŽval damit den Weg der Quadratur des Kreises gewŠhlt,
oder ist dies, allen bisherigen Erfahrungen in anderen LŠndern zum
Trotz, die einzig mšgliche Zukunft Haitis? Als Vertreter der
linken Mittelschicht hat er in den letzten Monaten unermudlichversucht,
Freunde und Feinde davon zu uberzeugen, dass an den von
IWF und Weltbank geforderten Strukturanpassungsmassnahmen kein Weg
vorbeifuhre. Bei der Privatisierung solle es sich nicht um den
totalen Ausverkauf der maroden staatlichen Betriebe handeln,
sondern es sei beabsichtigt, differenzierte VertrŠge mit privaten
Anbietern auszuhandeln, die eine gemeinsame Verwaltung zwischen
diesen und dem Staat mšglich machen. Auch zeitlich begrenzte
PachtvertrŠge an private Kapitalisten sind denkbar. Absichten, die
erst einmal schlussig erscheinen: Die erforderlichen hohen
Zuwendungen des Staates fur das ElektrizitŠtswerk sollen
eingespart werden, die rettungslos veraltete Mehlfabrik soll
wieder produktiv arbeiten kšnnen, die abschreckend hohen Hafen-
und Flughafengebuhren - die hšchsten in der Region - sollen neu
gestaltet werden, alles mit Hilfe in- und auslŠndischer
Investoren. Versorgungs- und Dienstleistungsbetriebe sollen auf
diese Weise nicht nur modernisiert werden, sondern es sollen auch
ArbeitsplŠtze erhalten und geschaffen werden. Die Entlastung des
Staates soll dazu genutzt werden, in Programme der einzelnen
Kommunen und StŠdte zu investieren, um den lŠngst geplanten
politischen und wirtschaftlichen Dezentralisierungsprozess zu
unterstutzen.
Und doch sind die Probleme nicht geringer geworden. Der Mangel an vertrauenswurdigen Fachleuten besteht nach wie vor, Beamte, die nicht primŠr das Gemeinwohl im Auge haben, sitzen nach wie vor zu Hauf an wichtigen Stellen. LŠngst notwendige Sanierungsmassnahmen in der hoffnungslos uberfullten Hauptstadt Port-au-Prince stossen zwangslŠufig immer wieder auf ihre "naturlichen" Grenzen, solange die Provinz auf Grund fehlender Ressourcen weiter veršdet, die Leute von daher sich gezwungen fuhlen, ihr Auskommen in der Stadt zu suchen. Fur 70% der Bevšlkerung ist der informelle Sektor der einzige †berlebensweg. Diese Menschen fuhlen sich durch eine Politik der Modernisierung eher verraten denn reprŠsentiert. Wo ist die Lavalasbewegung heute? Ein Teil der Antwort ist in der geringen Wahlbeteiligung des letzten Jahres abzulesen. Sowohl die Mehrheit der Parlamentarier als auch der PrŠsident kommen aus der Lavalasfamilie, aber diese Familie beherbergt nun einmal mehrereMitglieder mit unterschiedlichen Visionen. Fruher gab es einen gemeinsamen Feind, den Duvalierismus, bzw. die putschende Armee. Mit der VerdrŠngung dieses Feindes - was nicht gleichbedeutend ist mit seiner endgultigen Niederlage - treten die Unterschiede in den Visionen der einzelnen Familienmitglieder hervor. An der Frage der Privatisierung zeigt sich das deutlich. WŠhrend die jetzige Regierung und ihre AnhŠnger fur eine bedingte Privatisierung staatlicher Betriebe eintritt, sehen die Basisgruppen darin die Gefahr, dass die reichsten Familien Haitis - die auch den Putsch finanzierten - sich daran bereichern und noch mŠchtiger werden. Der Gedanke, dass diese ca. 20 Familien, die bereits von dem Embargo der Jahre 93/94 enorm profitiert hatten, durch die Privatisierung noch mehr an Machtzuwachs erhalten, ist den Basisgruppen unertrŠglich. Die Regierung meint, dies durch Gesetze verhindern zu kšnnen. Solange sie dafur jedoch keine Beweise durch Taten erbringen kann, wird sie stets mit dem Misstrauen der Mehrheit der Armen kŠmpfen mussen. Ein Teufelskreis, aus dem derzeit kein alle Seiten zufriedenstellender Ausweg sichtbar ist. Denn die Vergangenheit hat gezeigt, dass Taten oder auch nur zšgerndes Verhalten der Regierung sehr weitreichende Folgen auf Seiten der Geldgeber nach sich ziehen kšnnen.
Die Basiskirche, die eine tragende Rolle in der Lavalasbewegung gespielt hatte, hat zumindest nach aussen hin den Ruckzug angetreten. Wunden lecken, sich neu definieren, Ziele ausloten oder der Integration Haitis in die globalisierte Welt zustimmen? Die Strategien scheinen so unterschiedlich zu sein, wie es Gruppen innerhalb der Lavalasbewegung gibt. Nur, RenŽ PrŽval muss im Wirtschaftlichen und im Sozialen gewinnen, mit oder ohne absolute mehrheitliche Zustimmung. Unsere letzte Chance, meinen die AnhŠnger der Modernisierung. Ein unrealistischer Traum, meinen die Skeptiker.